Disneys „Christopher Robin“ (Rezension)

Winnie Puuh ist zurück! Die klassischen Winnie Puuh Filme von Disney wie Die vielen Abenteuer von Winnie Puuh (1964) und Winnie Puuh (2011) spielten basierend auf der Romanvorlage von A. A. Milne im Hundertsechzig-Morgenwald (Hundert-Morgenwald) als Christopher Robin noch ein Kind war. Dennoch werden wir alle mal erwachsen und müssen uns der Realität stellen. Was genau das Erwachsenwerden für Konsequenzen für Christophers kleine Stofftierfreunde hat und natürlich für ihn selbst, erzählt der neue Realfilm Christopher Robin.

null
Szenenbild aus dem Disney-Film „Christopher Robin“ | © The Walt Disney Company

Vom Hundert-Morgenwald nach London

Alles nimmt mal sein Ende. Auch die Kindheit, oder? Zumindest beginnt der Film mit dem uns bekannten Szenario in dem Christopher Robin als Kind bei seinen Stofftierfreunden im Hundert-Morgenwald weilt und die Vorzüge der spielerischen Entdeckung und kindlichen Fantasie auslebt. Ihm stets zur Seite ist der von ihm liebevoll betitelte „dumme alte Bär“ Puuh, der sonst Namensgeber der Zeichentrickfilme war. Doch dieses Mal ist Christopher Robin (Ewan McGregor) Dreh- und Angelpunkt im Film. Denn wenn man glaubt, noch länger in kindlichen Erinnerungen schwelgen zu können, holt einen unerwartet die Realität ein, und die Jahre vergehen, sowohl für die Stofftiere als auch für Christopher Robin, der mittlerweile Familienvater geworden ist und geradezu in Arbeit versinkt, sodass er mit seiner Tochter, Madeleine Robin (Bronte Carmichael) und Frau, Evelyn Robin (Hayley Atwell), kaum Zeit verbringt, ganz zu schweigen von Puuh und seinen Freunden, die seitdem in Vergessenheit geraten sind. Eines Tages auf der Suche nach seinen Freunden Tigger, I-Aah, Rabbit, Ferkel, Eule, Kanga und Ruh gelangt Winnie Puuh aus schicksalshaften Gründen nach London und begegnet dem deutlich gealterten Christopher Robin, der wiederwillig mit Puuh in den Hundert-Morgenwald zurückkehrt, um nach seinen Freunden zu suchen. Ab hier beginnt eine Reise in die Vergangenheit, zurück in die Kindheit und Unbedarftheit. Doch wie lange diese dauert, und was Aktenunterlagen mit einer erlebnisreichen Reise zu tun haben, dies erzählt Christopher Robin…

null
Szenenbild aus dem Disney-Film „Christopher Robin“ | © The Walt Disney Company

Winnie Puuh und die Langsamkeit und Einfachheit des Erzählens

Gleich zu Beginn macht der Film alles richtig, was er nur richtig machen kann. Der Zuschauer wird prompt in die Kindheit von Christopher Robin, voraussichtlich auch in die eigene, katapultiert, und wir befinden uns am Tisch mit dem honigliebenden Winnie Puuh, den immer ängstlichen Ferkel, den meist depressiven I-Aah, den impulsiven Tigger, der weisen Eule Eule, dem neugierigen Hasen Rabbit und Kanga und ihr Kind Ruh. Als Zuschauer bleibt einem keine Wahl, eine gewisse Emotionalität zu verspüren, wenn Christopher und Puuh auf einem Baumstamm sitzend den Sonnenuntergang beobachten. Wir alle kennen diesen Moment, wenn wir uns wünschen, einen Augenblick  festhalten zu dürfen, um in ihm ewig zu verweilen. Genau dies wäre ein solcher Augenblick gewesen. Doch eh man sich versieht, erscheinen malerische Einschübe unterteilt in Lebenskapiteln von Christopher Robin, die uns unter anderem an die alten literarischen Winnie Puuh Zeichnungen erinnern. Wir bekommen kurze Einblicke in das Internatsleben, traurige Lebensschicksale, die Zeit als Soldat im zweiten Weltkrieg und die arbeitsreiche Gegenwart. Diese Einblicke können durchaus düster wirken, jedoch niemals verstörend. In diesem schnellen Tempo begeben wir uns an die thematische Ausgangssituation des Films: das Erwachsensein, wie es nicht sein müsste.

Wie zuvor erwähnt sind wunderschöne Augenblick leider endlich, daher erscheint es geradezu ironisch, dass von nun an das Tempo des Film sehr schleppend ist. Aufgrund der doch sehr simplen Geschichte, nagt diese Langsamkeit verstärkt durch den äußerst vorhersehbaren Verlauf schwerer an dem Geduldsfaden als gedacht. Doch übersteht man erstmal die Phase zwischen der Welt in London und der Rückkehr in den Hundert-Morgenwald, wird man als Disney-Fan definitiv belohnt. Zudem erscheint es stilistisch betrachtet sehr authentisch, die Vergangenheit in einem schnelleren Tempo darzustellen als die Gegenwart. Meist fliegt die Kindheit nur so davon, während das Erwachsensein meist eintönig und langsam daherkommt. Und dieser Fragestellung begegnet dieser Film: Ist unser kindlicher Geist und die Zeit für einen selber auf einen bestimmten Lebensabschnitt begrenzt? Viel schöner ist jedoch der metaphorische Zusammenhang zwischen der Langsamkeit von Winnie Puuh und die des Films. Eine schnell erzählte und actionreiche Geschichte wäre wahrscheinlich sehr unauthentisch gewesen. Eine simple und im kindgerechtem ruhigem Tempo erzählte Handlung ist da schon viel passender und zudem sehr erfrischend im Vergleich zu den ganzen Blockbustern heutzutage. Tortzdessen täuscht dies nicht über die sehr einfache Handlung hinweg. Viel Spaß bereitet der Film, wenn die Handlung so richtig in Fahrt kommt und an Tempo gewinnt. Genau dann glänzen die vielen Charaktere erst so richtig, und der Nostalgie sind keine Grenzen gesetzt.

null
Szenenbild aus dem Disney-Film „Christopher Robin“ | © The Walt Disney Company

Nostalgie pur und Puuhs philosphischer Wert

Dieser Glanz wird vor allem über die von uns lieb gewonnen Kuscheltiere transportiert. Der Film sprüht dann nur so vor Nostalgie und Hommagen an das alte Meisterwerk von Walt Disney. Eine wirklich schöne Hommage war für mich die erzählerische Einbindung des Heffalumps und Wusels. Beide spielen eine nicht minder bedeutsame Rolle für die Rückkehr in die kindliche Fantasie von Christopher Robin und genauso, um seine Ängste und Unentspanntheit zu überwinden. Diese Augenblicke gehören zu den wenigen düsteren Momenten, wenn man den Heffalump mal als Gestalt aus Wasserbläschen oder als verzerrten und lauten Toneffekt wahrnimmt. Dies wird jedoch immer wieder mit wohltuenden Szenerien und humorvollen Sequenzen konterkariert. Dabei fallen vor allem I-Aah, mit seinem ungewollt lustigen Sprüchen, und Tigger, mit seinen irrwitzigen Sätzen und seiner naiven Blödheit, auf. Letzterer liefert eine weitere schöne Hommage, die vielleicht einigen entgangen sein könnte. In einer Szene im Taxi sieht Tigger sein eigenes Spiegelbild in der Autoscheibe und verwechselt es mit einem anderen Tigger wie im Kurzfilm Winnie Puuh und das Hundewetter (1968). Eine Verwechslung mit Folgen und zum Lachen. Zusammen mit Ferkel ist das Trio umso lustiger und sorgt auf der Reise nach London für süße Momente.

Neben den vielen nostalgischen Bildwerten und Inhalten steht wie erwartet Winnie Puuh neben Christopher Robin im Fokus. Zweifelsfrei ist er die treibende Kraft des Films. Kaum zu glauben bei den kurzen Beinen und der gemächlichen Art zu sprechen, die durchaus für manch einen strapazierend wirken kann. Doch liefert er uns immer wieder zum schmunzeln schöne Augenblicke, die in ihrer Einfachheit viel mehr bewirken können als zunächst gedacht. Eben Puuh wie er nun mal ist. Treudoof und doch so vollkommen an simplen philosophischen Gedanken.

„Menschen sagen: Nichts ist unmöglich. Aber ich mache jeden Tag nichts.“ — Winnie Puuh

Der Film gewinnt genau dann an Fahrt, wenn Puuh nicht auf der Bildfläche zu sehen ist. Zufall? Auf jeden Fall ist es genau das, was Christopher Robin braucht. Wenn Puuh eins kann, dann das Leben zu endschleunigen und sich den schönen Dingen des Lebens zuzuwenden, wie z.B. Honig essen. Auch hier ein Garant für humorvolle Szenen und Sprüche. Puuh ist für die tiefen und nachdenklichen Szenen verantwortlich. Bestenfalls nehmen wir seine Floskeln nicht nur als spontane amüsante Gedanken wahr, sondern verstehen sie auch als bewegende und allgegenwärtige Wahrheiten. Einfache Wahrheiten. Und doch so kraftvoll, wenn man genauer darüber nachdenkt. Es muss halt nicht immer komplex sein.

null
Szenenbild aus dem Disney-Film „Christopher Robin“ | © The Walt Disney Company

Fantastische Visualisierung und Musik für Fans

Neben all diesen nostalgischen Werten, enttäuscht der Film auch nicht in der Kinematographie. Zunächst wäre die erstklassige Animation der Stofftiere zu nennen. Alle sind mittlerweile in die Jahre gekommen und man sieht ihren bespielten und abgefingerten Look förmlich an. Jedes einzelne Haar oder sogar Naht und Fellstruktur sind zu erkennen. Man bekommt nie wirklich einen Zweifel daran, dass es sich nicht um animierte Kuscheltiere handelt. Hier zeigt Disney, was das Studio über die Jahrzehnte an Know-how gewonnen hat. Dies zeigt sich auch an der Art wie die Filme visuell transportiert werden. Der Regisseur Marc Forster entwickelt sowohl simple wohltuende Atmosphären und genauso beeindruckende Kamerafahrten, wenn die Handlung es zulässt. Der Look der späten 40er ist wirklich gut getroffen, und die gewählten Farbwerte wechseln von grau und dunklen Farben in London hin zu leuchtenden Farben wie grün und rot, sobald der Hundert-Morgenwald betreten wird. Der rote Luftballon ist dabei als schönes stilistisches Mittel zu nennen, der sich durch fast den ganzen Film zieht wie die Hoffnung auf Rückkehr zur kindlichen Gedankenwelt. Die Aufnahmen der Landschaften lassen keine Wünsche offen. Dabei fällt auf, wie gut nachträglich am Computer generierte Charaktere mit echten Landschaften harmonieren können und das ohne Green-Screen. Eine reale Umgebung wirkt auf der großen Leinwand eben viel lebendiger und plastischer. Christopher Robin beweist, dass Studios viel öfters auf Green-Screens verzichten sollten, wenn möglich.

Der instrumentale Soundtrack stammt aus der Feder von Geoff Zanelli, der einen eher passend ruhigen kompositorischen Ansatz wählt, um nur in den entscheidenen Momenten die Emotionen der Zuschauer gezielt zu lenken. Mir stellte sich da in einigen Sequenzen die Frage, ob diese Emotionen auch ohne Musik hätten transportiert werden können. Vielleicht ist eine weitere Schwäche des Films, dass gewisse Tiefen an wenigen Stellen nicht gut genug herausgearbeitet wurden, sodass sie ohne musikalische Lenkung nicht hätten bestehen können. Ansonsten ist der Soundtrack sehr harmonisch, schön und wenig auffallend. Dennoch gibt es im Abspann eine kleine bedeutsame Zugabe für alle Disney-Fans. Kein geringer als Richard Sherman steuerte zwei neue Songs zum Film bei. Es heißt also: Definitiv sitzen bleiben und den Abspann genießen.

null
Szenenbild aus dem Disney-Film „Christopher Robin“ | © The Walt Disney Company

Perfekte Besetzung

Es ist kein Geheimnis, dass Ewan McGregor für viele ein grandioser Schauspieler ist. Seine Besetzung als Christopher Robin ist ohne Zweifel eine perfekte Besetzung. Er transportiert die innere Gefühlswelt und den Wandel seiner Figur sehr glaubhaft. Die Besetzung seiner Ehefrau genauso wie die seiner Tochter sind einfach perfekt. Letztere bezaubert durch eine vielseitige Darbietung. Von Traurigkeit, Erzürntheit und abenteuerlichen Willen sowie Unbedarftheit. Sie kommt eben ganz nach ihrem Vater, und dies wird dem Zuschauer sehr gut vermittelt. Insgesamt harmoniert die schauspielerischer Leistung mit der Erzählstruktur einwandfrei. Sie lässt zwar keine Möglichkeiten für besondere schauspielerische Auffälligkeiten, jedoch wäre dies von einem Film wie Christopher Robin auch nicht zu erwarten gewesen. Neben der Familie der Robins tritt noch der Chef Giles Winslow (Mark Gattis) von Christopher Robin in Erscheinung. Stichwort: „Wusel“.

An alle, die Sorge hatten, dass die Synchronstimmen der Stofftiere aus dem Hundert-Morgenwald nicht mit dem Original übereinstimmen, können aufatmen. Alles klingt so wie es früher geklungen hat. Das rundet den Nostalgiefaktor vollständig ab und lässt jedes Disney-Herz höher schlagen.

Fazit

Ein Film für Geist und Herz. Ein wohltuender nostalgischer Disney-Ausflug für die ganze Familie, den ganz kleinen unter uns und vor allem für Disney-Fans, ohne kitschig oder zuckersüß zu wirken. Trotz Schwächen in der extrem simplen Handlung garantiert der Film kurzweilige Unterhaltung für Daheim. Für mich persönlich am Ende dann leider doch sehr langweilig. Eins steht fest: Wir sollten alle unseren inneren Winnie Puuh häufiger wiederbeleben und einfach mal nichts tun.

„Nichts zu tun, führt oft zum Besten von Etwas“ — Winnie Puuh

Christopher Robin Rating

Spieldauer: 104 Minuten | FSK: 0

Weitere Infos: Original Cast | Deutsche Synchronsprecher | Trailer

Bilder/Grafiken: Stehni’s Blog, Disney, Disney Wiki


Jetzt seid ihr gefragt: Wie hat euch „Christopher Robin“ gefallen? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!


Rechtlicher Hinweis: Der vorliegende Blogeintrag repräsentiert ausschließlich die Meinung des Autors und enthält keine bezahlte Werbung, Produktplatzierung(en) oder Produkthilfe(n) (Kennzeichnungspflichtig nach § 6 Abs. 1 Nr. 1 TMG und § 5a Abs. 6 UWG). Das vorliegende Produkt wurde zu privaten Zwecken erworben. Dem Autor ist bewusst, dass durch den Blogeintrag direkt/indirekt Aufmerksamkeit auf das jeweilige Produkt gelenkt wird und eine Kaufentscheidung potentiell beeinflussen kann. Durch eine differenzierte Auseinandersetzung soll eine direkte Einflussnahme minimiert werden. Transparenz hat höchste Priorität.

Datenschutzhinweis: Durch Verwendung der Kommentarfunktion erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Webseite bzw. durch WordPress einverstanden. Um die Übersicht über Kommentare zu behalten und Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite Name, E-Mail, Kommentar sowie IP-Adresse und Zeitstempel Ihres Kommentars. Sie können Ihre Kommentare später jederzeit wieder löschen. Detaillierte Informationen finden Sie in meiner Datenschutzerklärung.

5 Kommentare zu „Disneys „Christopher Robin“ (Rezension)

  1. Lieber Jan,
    WOW! Deine Rezension ist klasse geworden! Beim Lesen habe ich gemerkt, wie viel du in diesen Blogbeitrag hinein gesteckt hast und wie gelungen du den Film fandest.
    Ich werde den Film wahrscheinlich nicht sehen, weil ich nie ein riesengroßer Fan von Winnie Pooh und Christopher Robins war.
    Liebe Grüße,
    Sophia

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Sophia ☺️
      Wie immer freue ich mich über deine tollen und produktiven Kommentare. Und bedanke mich wirklich sehr für deine lieben Worte! ❤️ Das bedeutet mir sehr viel. ☺️
      Du hast mir schon mal Feedback auf Instagram gegeben, dass du den Film eher nicht sehen wirst. Und ich kann ganz klar nachvollziehen, dass Winnie Puuh nicht für jeden etwas ist. Umso mehr freue ich mich über deine zukünftigen Beiträge zu Filmen, die du dir im Kino anschauen wirst 😍

      Gefällt 1 Person

  2. Für mich der laaaaangweiligste Film, den ich seit Jahren gesehen habe. Ich kann mit dem Thema gar nichts anfangen.Ich bin eigentlich nur im Kino sitzengeblieben, weil es dort – im Gegensatz zu draußen – kühl und dunkel war…

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.