Disneys „Der Nussknacker und die vier Reiche“ (Rezension)

Mit Der Nussknacker und die vier Reiche eröffnet Disney die Kino-Weihnachtssaison gleich mit einer Neuinterpretation vom „Nussknacker und der Mausekönig“ (1816) von E.T.A. Hoffmann mit musikalischen Einflüssen vom berühmten Komponisten Tschaikowsky. Doch gelingt es Disney überhaupt wie angekündigt einen neuen Weihnachtsklassiker zu etablieren?

DER NUSSKNACKER UND DIE VIER REICHE
Szenenbild aus dem Disney-Film „Der Nussknacker und die vier Reiche“ | © The Walt Disney Company

Clara, ein Schlüssel und die vier Reiche

Die Geschichte beginnt im winterlichen London, als Clara (Mackenzie Foy) von ihrer verstorbenen Mutter ein gold-verziertes Ei zu Weihnachten vermacht bekommt. Seit dem Tod der Mutter liegt förmlich ein Tuch der Traurigkeit über der Familie, das am wichtigsten Familienfest des Jahres, dem Heiligen Abend, mehr denn je schwer wiegt. Clara ahnt jedoch nicht, dass ihr gerade an diesem Tag ein großes Abenteuer bevorsteht, dass mit dem verschlossenen Ei, zu dem der Schlüssel zum Öffnen nicht beiliegt, erst beginnen soll. So ist es der erfinderischen Clara geradezu recht, dass ihr Patenonkel Drosselmeyer (Morgan Freeman), der eine Werkstatt für mechanische Gegenstände besitzt, eine Feier gibt und ihr beim Öffnen eine Hilfe sein könnte. Entgegen ihrer Erwartung landet sie stattdessen während einer Geschenkesuche in einer ganze anderen Welt, eine Parallelwelt, die aus vier verschiedenen Reichen besteht: Das Naschwerkland, das Blumenand, das Schneeflockenland und das Vergnügungsland, letzteres auch nur das „vierte Reich“ genannt. Angekommen begegnet sie dem Nussknacker Phillip (Jayden Fowora-Knight) und den Herrschern der zuerst aufgeführten drei Reiche, die Clara offenbaren, dass ihre Mutter diese Welt entdeckt und geschaffen hat, und sie somit die rechtmäßige Königin über die vier Reiche wäre. Doch droht diese Welt durch Mutter Ingwer (Helen Mirren), die Herrscherin des vierten Reichs, zerstört zu werden. Clara scheint die letzte Hoffnung zu sein, um dies zu verhindern. Doch nichts ist so wie es scheint, oder?

Der Nussknacker und die vier Reiche Review 2.jpg
Szenenbild aus dem Disney-Film „Der Nussknacker und die vier Reiche“ | © The Walt Disney Company

Generische Handlung vereitelt den Weihnachtszauber

Im weiteren versuche ich möglichst keine Spoiler einfließen zu lassen, was bei diesem Film wirklich schwer fällt, da der Großteil der Handlung bereits in den Trailern genannt wird. Nach all den Komplikationen, die dieses Projekt erfahren sollte, die ihr übrigens hier nachlesen könnt, stellt sich die Frage, ob sich die Nachdreharbeiten überhaupt gelohnt haben, oder ob das Ziel, einen Weihnachtsklassiker zu kreieren, gelungen ist. Als Zuschauer wird man jedoch sehr schnell feststellen, dass die Handlung geradezu vorhersehbar ist, viel zu konstruiert und teilweise hölzern wirkt. Als ich im sehr gut besuchten Kinosaal saß, konnte sogar ein neben mir sitzendes circa fünf Jahre altes Mädchen zukünftige Handlungsstränge voraussagen. Doch minderte es nicht ihre Begeisterung, die ich hier schon mal vorweg nehmen möchte, und auf die ich später wieder zurück kommen werde. Für mich stellt sich die Frage, ob es überhaupt schlimm ist, dass ein Film vorhersehbar ist. Muss wirklich immer alles überraschend sein? Reicht es nicht aus auf eine Reise zu gehen und sich begeistern zu lassen? Ich persönlich kann diese Fragen eindeutig mit „Ja“ beantworten. Jedoch nicht, wenn man das Gefühl einfach nicht los wird, dass so viel Potential verschenkt wurde. Und zwar extrem viel Potential.

Als erklärter Disney-Fan wird man unweigerlich feststellen, dass Disney immer, und immer wieder das gleiche Schema anwendet. Man kann glatt den Gedanken bekommen, dass viel zu wenig Zeit in eine gute Geschichte investiert wurde, und man sich dachte, den alt bewährten Disney-Twist anzuwenden, um etwas Form in die Handlung zu bekommen. (Ganz zu schweigen, dass immer ein Familienmitglied als Ausgangsbasis tot sein muss.) Vor allem, wenn schon der Satz „Nichts ist so wie es scheint“ betont wird. Danke Disney, ohne diesen Satz wäre ich vermutlich nicht drauf gekommen. Trotz dieser Schwäche steigt der Film sehr schön in die Handlung ein und versprüht zu Beginn wunderschönes weihnachtliches Flair, das jedoch gegen Ende des ersten Drittels verfliegt. Das zweite Drittel ist handlungstechnisch eher bescheiden und wirkt etwas langweilig. So werden wir zwar visuell begeistert aber die Charaktere können sich nicht entfalten, da ihnen viel zu wenig Raum gegeben wird, was übrigens bei einer Laufzeit von 100 Minuten möglich gewesen wäre. Stattdessen verbringen wir die Zeit damit langgezogene Dialoge zu hören. Im letzten Drittel nimmt der Film dann an Fahrt auf und wirkt wirklich sehr unterhaltsam und macht sogar Spaß, was dem unendlichen Einfallsreichtum an Set- und Kostümdesign zu danken ist, wie zum Beispiel Clowns, die wie eine Matrjoschka aus- und ineinander springen.

DER NUSSKNACKER UND DIE VIER REICHE
Szenenbild aus dem Disney-Film „Der Nussknacker und die vier Reiche“ | © The Walt Disney Company

Der Schlüssel eröffnet dir den Weg zu deinem wahren Inneren, oder?

Neben der Handlung dürfen bei Disney natürlich nicht die Botschaften zu kurz kommen. Denn der Schlüssel, den Clara braucht, steht für viel mehr als nur für seine mechanische Funktion. So soll er ihr den Weg zu ihrem wahren Innern offenbaren. Oder genauer, sollen wir in das Innere des Menschen schauen und uns nicht von seiner Fassade täuschen lassen. Einerseits ein zu honorierender moralischer Wert, aber andererseits nutzt Disney diesen Moment viel mehr, um dem Zuschauer erneut zu sagen, dass nichts so ist wie es scheint. Also spätestens jetzt sollte auch der letzte Disney Fan auf die Lösung des Films gekommen sein. Abseits davon liegt im Innern die große Ähnlichkeit, die Clara und ihre Mutter teilen. Beide sind überaus begabt, was einfallsreiche Erfindungen anbelangt. So hat ihre Mutter die Bewohner dieser Parallelwelt mittels einer Maschine erschaffen, indem sie Figuren zum Leben erweckt hat. Jedoch bedarf es einen Schlüssel, den selben Schlüssel wie zu Claras vergoldetem Ei, um die Maschine zu bedienen, die die letzte Hoffnung darstellt, um nicht von der bösen Mutter Ingwer in den Abgrund gezogen zu werden. Clara stellt sich dieser Aufgabe und sieht die Erschaffung ihrer Mutter in Gefahr, deren Erbe sie sich nun verpflichtet fühlt. Um es mit den immer wiederkehrenden Worten des fünfjährigen Mädchens neben mir auszudrücken, war Clara eine sehr „mutige“ Protagonisten, der es auch Spaß macht zuzuschauen.

Nun stellen sich noch bestimmt viele die Frage, ob die Ähnlichkeit zu Alice im Wunderland zu groß sei. Ich persönlich musste während des Films nicht wirklich an diesen Film denken. Natürlich gibt es Parallelen. So müssen beide Protagonisten eine Fantasiewelt vor ihrem „Untergang“ retten. Doch bezüglich der Kulissen und des Flairs unterscheiden sich die Filme aus meiner Perspektive gut genug, dass man nicht zwingend diesen Vergleich bringen muss. Während ich dies schreibe, würde ich mich auch freuen den Nussknacker und vier Reiche erneut zu Weihnachten zu sehen. Das zeigt in gewisser Weise auch, dass es teilweise schon gelungen ist, einen individuellen und weihnachtlichen Film zu produzieren. Lustigerweiser hat mich der Film streckenweise unerwartet an Santa Clause 2 erinnert. Vor allem gegen Ende. Der Nussknacker und die vier Reiche ist zwar kein Film, der geradezu vor Weihnachten schreit, aber definitiv dem Genre Weihnachtsfilm zuzuordnen ist.

Nutcracker Still 2
Szenenbild aus dem Disney-Film „Der Nussknacker und die vier Reiche“ | © The Walt Disney Company

Atemberaubende Kulissen und musikalische Hommage

Auf der technischen Ebene überzeugt der Film auf ganzer Linie. Neben der Handlung liegt hier dennoch der größte Potentialverlust. Alle Räumlichkeiten und Kulissen wurden tatsächlich nicht mittels Green Screen, sondern per Hand geschaffen. Das kommt dem Film sehr zu Gute und ist ein gewaltiger Unterschied zu Alice im Wunderland (2010). Klar sind bei Großaufnahmen das Schloss oder ähnliches im Computer entstanden, was aber auf höchstem Niveau gemacht wurde. So wurden alle vier Reiche in einem Studio realitätsgetreu gebaut. Dieser Aufwand muss enorm gewesen sein, was auch die Kostüme betrifft. Man merkt förmlich die Liebe zum Detail in jeder Sequenz. Der Film ist für die Augen ein Hochgenuss und sollte bestenfalls auf einem großen Bildschirm geschaut werden. Für mich persönlich war die Hommage an das Ballettstück ein Highlight des Films. Misty Copeland verzaubert den Zuschauer in einer sich magisch entfaltenden Theaterkulisse, die mittels einer tollen Kameraführung eingefangen wird. (Mich würde daher eine Oscarnominierung in der Rubrik Kostümdesign und Setdesign nicht überraschen – Nachtrag: Leider geht der Film leer aus). Wer sich fragt, ob es weitere Reminiszenzen an das Ursprungswerk gibt, wird sie in seiner pursten Form genau in diesem Moment der Ballettinszenierung finden.

Ansonsten versucht Disney, möglichst eine eigene Version zu kreieren, bei der James Newton Howard, der den Soundtrack für den Film komponierte, immer mal wieder kleine Nuancen von Tschaikowskis Werk einstreut, die für die Ohren natürlich wunderschön anzuhören sind. Der Soundtrack kann auch sonst überzeugen. Nach all diesen positiven Worten, liegt der Potentialverlust nun darin, dass trotz der tollen Sets der ersten drei Reiche, diese nur für ganz wenige Sekunden zu sehen sind. Da fragt man sich ernsthaft, warum dann der ganze Aufwand betrieben wurde. Als Zuschauer hätte man liebsten jede Ecke der Reiche entdecken wollen, genauso wie vom Schloss im Zentrum. Auf der einen Seite verständlich, weil dies die ohnehin schwachen Handlung unnötig in die Länge gezogen hätte. Anders ausgedrückt, ist die simple Handlung der wahre Antagonist des Films, bestenfalls der Antagonist der atemberaubenden Bildwerte.

DER NUSSKNACKER UND DIE VIER REICHE
Szenenbild aus dem Disney-Film „Der Nussknacker und die vier Reiche“ | © The Walt Disney Company

Brillante aber nicht ausgeschöpfte Besetzung

Die Besetzung aller Charaktere ist definitiv sehr gut gewählt. Hier habe ich keinerlei Kritikpunkte. Und man kann es den Schauspielern auch nicht verübeln, wenn sie sehr geschwollene und kitschige Dialoge sprechen müssen, wie vor allem die Zuckerfee, von Keira Knightley gespielt. Zudem passt es auch gewissermaßen zur Rolle. In der englischen Version spricht sie übrigens sehr hoch (high-pitched), was in der deutschen Synchronisation nicht so krass übertrieben wurde, weswegen mir dir deutsche Version etwas besser gefällt. Morgan Freeman taucht tatsächlich nur sehr kurz auf, kann allenfalls in seiner weisen Rolle überzeugen. Hellen Mirren spielt ihre Rolle als Mutter Ingwer mit Rissen im Gesicht wie bei Porzellan-Geschirr sehr gut. Was mir persönlich nur etwas nervig aufgefallen ist, war die Gangart von Clara. Diese verträumte und anmutige Bewegung fand ich etwas überzogen. Da landet man plötzlich in der ganz anderen Welt und der einzige Satz dem einen dazu einfällt ist: „Ich schein wohl nicht mehr in London zu sein“. Bei aller Liebe, würde jemand so reagieren? Von den anderen Herrschern der Reiche hört man vielleicht nur fünf Sätze und bekommt sonst gar nichts von ihren Charakteren mit. Etwas überraschend, wenn darauf hingewiesen wird, dass Claras Mutter nicht einfach nur Leben erschaffen hat, sondern Leben mit einer Seele. Wie ihr merkt, ist das größte Problem des Films die fehlende Ausreizung des Potentials.

DER NUSSKNACKER UND DIE VIER REICHE
Szenenbild aus dem Disney-Film „Der Nussknacker und die vier Reiche“ | © The Walt Disney Company

Fazit

Vermutlich könnte Der Nussknacker und die vier Reiche über die Jahre doch zu einem schönen Weihnachtsfilm heranwachsen, der zwar simpel und einfach daherkommt, aber dennoch durchaus begeistern kann. Vor allem die Kleinen unter uns (, die gerne mal eine weibliche und mutige Heldin sehen). Mich hat der Film durchweg solide unterhalten, den ich gerne mal zu Weihnachten schauen werde. Er ist zwar kein perfekter Fantasiefilm, der viel Potential verschenkt. Aber sehenswert ist er aufgrund der aufwendigen und originellen Kulissen und der wunderschön inszenierten Ballettszene allemal.

der nussknacker und die vier reiche bewertung

Spieldauer: 100 Minuten | FSK: 0

Weitere Infos: Original Cast | Deutsche Synchronsprecher | Trailer

Bilder/Grafiken: Stehni’s Blog, Disney, Disney Wiki


Jetzt seid ihr gefragt: Wie hat euch „Der Nussknacker und die vier Reiche“ gefallen? Oder werdet ihr ins Kino gehen? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!


Rechtlicher Hinweis: Der vorliegende Blogeintrag repräsentiert ausschließlich die Meinung des Autors und enthält keine bezahlte Werbung, Produktplatzierung(en) oder Produkthilfe(n) (Kennzeichnungspflichtig nach § 6 Abs. 1 Nr. 1 TMG und § 5a Abs. 6 UWG). Das vorliegende Produkt wurde zu privaten Zwecken erworben. Dem Autor ist bewusst, dass durch den Blogeintrag direkt/indirekt Aufmerksamkeit auf das jeweilige Produkt gelenkt wird und eine Kaufentscheidung potentiell beeinflussen kann. Durch eine differenzierte Auseinandersetzung soll eine direkte Einflussnahme minimiert werden. Transparenz hat höchste Priorität.

Datenschutzhinweis: Durch Verwendung der Kommentarfunktion erklären Sie sich mit der Speicherung und Verarbeitung Ihrer Daten durch diese Webseite bzw. durch WordPress einverstanden. Um die Übersicht über Kommentare zu behalten und Missbrauch zu verhindern, speichert diese Webseite Name, E-Mail, Kommentar sowie IP-Adresse und Zeitstempel Ihres Kommentars. Sie können Ihre Kommentare später jederzeit wieder löschen. Detaillierte Informationen finden Sie in meiner Datenschutzerklärung.

2 Kommentare zu „Disneys „Der Nussknacker und die vier Reiche“ (Rezension)

  1. Wow toll geschrieben. Und ich bin ganz deiner Meinung. Der Film ist toll und passt definitiv zur Weihnachtszeit aber ob ein klassischer Weihnachtsfilm wird er meines Erachtens nicht werden.
    Die Besetzung ist klasse jedoch wie du schon gesagt hast, ist zu wenig raus geholt worden.
    Meiner Meinung nach hätte der Film ruhig ein bisschen länger sein länger sein können und somit auch mehr Tiefe erhalten.

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen lieben Dank für deine lieben Worte, Laura 🙂
      Schön, dass du es ähnlich siehst wie ich. Wäre der Film länger gewesen, hätte man aber definitiv mehr Handlung gebraucht. Wie du schon richtig sagst, dann aber mit „mehr Tiefe“. Danke für dein Feedback! 🙂

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.