„Mulan“ auf Disney+: Der Anfang vom Ende des klassischen Kinos?

Am 4. September 2020 gibt es eine Weltpremiere: Mulan (2020) startet auf Disney+ für 21,99€. Neben der Kinopremiere in Los Angeles im März, feiert die neuste Realverfilmung aus dem Hause Disney ihr globales Debüt oder auch Premiere auf Disney+, ohne jemals im Kino gewesen zu sein – ein Novum. Eine Ausnahme, die jedoch große Nachwirkungen mit sich bringen könnte und vielleicht zur Regel werden könnte. Was bedeutet der überraschende Schritt von Disney für unsere Sehgewohnheiten? War dieser Schritt nur eine Frage der Zeit? Ist dies die Einleitung des Untergangs des klassischen Kinos? Oder ist der Tumult in den sozialen Medien eine aufgeblähte und überbewertete Diskussion? In diesem Beitrag werde ich mich diesen Fragen widmen, in den Kontext einordnen und hoffentlich einen vielseitigen Austausch mit Disney-Fans anregen. Solltet ihr an meiner Meinung zum Film interessiert sein, empfehle ich euch meine Rezension zu Mulan (2020).

Befand sich das klassische Kino sich nicht ohnehin schon in einer Krise?

Fest steht, dieses Jahr läuft nichts wie gewohnt. Die weltweite Pandemie kennt keine Grenzen und macht erst recht nicht vor international agierende Konzerne wie Disney halt. Auswirkungen auf das alltägliche Leben, die wir alle auf unterschiedliche Weise zu spüren bekommen haben und globale wirtschaftliche Komplikationen mit sich zogen, werden nationale und internationale Politikentscheidung noch eine Weile beschäftigen. Eine dieser weitreichenden Entscheidungen betraf unter anderem die Kultur wie Lichtspielhäuser. Durch temporäre Schließungen und anschließende Auflagen zogen viele potentielle Besucher das Heimkino gegenüber dem klassischen Kino vor. Zudem waren alle großen Filmstudios dazu gezwungen ihre Pläne für das Jahr 2020 komplett zu revidieren. Neue Blockbuster sind bis heute komplett verschwunden oder neue Filme eine Rarität in Kinos.

$ 111 Mio.

$ 0

So strich Disney letztendlich seinen kompletten ursprünglichen Release-Kalender für Dreiviertel des Jahres und verzichtete somit auf die Veröffentlichung von Soul (nun auf den 26. November 2020 verschoben), Black Widow (nun 29. Oktober 2020) und Artemis Fowl. Nur Onward: Keine halben Sachen schaffte es für eine Woche in die Kinos und konnte weltweit 111 Millionen US-Dollar einnehmen, was weit unter dem Potential des Films liegt und ihn rein finanziell betrachtet zu einem Flop werden ließ. Disney entschied sich das neue Pixar-Abenteuer umgehend auf Disney+ zu veröffentlichen (ausschließlich in den USA). Mit einem Lockdown ab Mitte März war eine Veröffentlichung von Mulan in den Kinos unmöglich. Am Ende verschob Disney den Film insgesamt drei Mal – eine Marketing Katastrophe. Kinos, die allmählich wieder ihre Pforten öffnen und mit immensen Bemühungen versuchen Publikum unter umsichtigen Bedingungen anzulocken, stehen nun ohne große Kinoknaller da. Erst der vollständige Wegfall von Umsätzen und dann fehlende Filme für Aufführungen. Dies zwingt einige Kinobetreiber in die Knie. Wer nun aber glaubt, die Pandemie habe die hiesigen Kinos erst in die Misere gebracht, irrt sich gewaltig. Stattdessen war schon seit den 2000er Jahren eine Abkehr vom klassischen Kino zu verzeichnen. Der Markteintritt von DVD, Blu-ray, bessere Heimkinoanlagen, größere Fernseher und am Ende die Popularität von Streaming-Anbietern setzten der Kinoindustrie zu und ließen Kinoeinnahmen oder die Anzahl an Kinogängern sinken. Ein Trend, der durch die Corona-Krise letztendlich nur verstärkt wird und die Notlage der Kinos für jeden sichtbar macht. Meist können nur große Kinobetreiber / Ketten oder Kinos in sehr privilegierten Lagen diesen Trend standhalten und fehlende Umsätze mittelfristig aushalten.

Warum Blockbuster so wichtig sind für Kinos

Trotz eines negativen Kinotrends profitieren Kinos enorm durch die Veröffentlichung von Blockbustern. So schwanken die Umsätze der deutschen Kinobetreiber stark und deren Erfolg ist abhängig von großen Kinofilmen wie Mulan. Am Ende stehen sich zwei Parteien gegenüber: die Filmstudios und Kinobetreiber. Filmstudios sind besonders daran interessiert die Produktions- und Marketingkosten einzuspielen und einen rentablen Gewinn zu erzielen. Wahrscheinlich sollen sich die Produktionskosten von Mulan auf circa 200 Millionen US-Dollar belaufen. Hinzu kommen weltweite Marketingkosten von ungefähr der gleichen Größenordnung. Somit muss das Filmstudio mindestens 400 Millionen US-Dollar einnehmen, damit sich der Release gelohnt hat. Dabei sind noch nicht mal die prozentualen Abgaben an die Kinos berücksichtigt. Disney ist im Laufe der Zeit bei vielen Kinobetreibern in Ungnade gefallen, da die Voraussetzungen einen vom Mäusekonzern produzierten Blockbuster zeigen zu dürfen, enorm gestiegen sind. Tatsächlich gibt es Regeln wie oft ein Film an einem Tag gezeigt werden muss, wodurch mehrere Kinosäle nur durch einen Film blockiert werden. Hinzu kommen die verschieden Formate (2D und 3D). Auch die Kosten für den Verleih sind gestiegen. Die aggressive Dominanz von Disney erschwert es jedoch Kinobetreibern sich dem selbstbewusst gegenüber zustellen. Durch die Zukäufe von Disney (Lucasfilm, Marvel, Pixar, Fox) ist dies ein Kampf zwischen David und Goliath.

Am Ende dieses Kampf stehen immer die Anteilseigner (Shareholder) von Disney, die den Konzern aufgrund eines Umsatzeinbruchs von 42% und erstaunlichen 60,5 Millionen Disney+ Abonnenten dazu „zwangen“, den Vorhaben Mulan weiterhin ins Kino zu bringen, eine Absage zu erteilen und für 29,99 US-Dollar in den USA (in Deutschland für 21,99€) auf Disney+ verfügbar zu machen. In China hingegen wird weiterhin ein Kino-Release angestrebt. Verständlicherweise, da der Film im Gegensatz zum Zeichentrickfilm extra für das chinesische Publikum konzipiert wurde. Dieser neue Schritt von Disney stößt bei Kinobetreibern und Publikum auf wenig Akzeptanz. Dabei ist der größte und prominenteste Streitpunkt der Preis.

22 Euro sind nicht zu viel

Heute bilden Streaming-Anbieter die Grundlagen für Diskussionen zu immateriellen Gütern wie Filme und Musik. Tatsächlich hat das Internet den Trend befeuert so viel wie möglich immer und überall abrufbar zur Verfügung zu stellen und das am besten kostenlos. Dafür boomen nicht nur offizielle Streaming-Anbieter sondern auch illigale. Auch wenn Kinos viel zu spät auf Streaming-Anbieter reagiert und Chancen verstreichen lassen haben, ist das Kinoerlebnis ein ganz anderes als das heimische. So bemühen sich viele Kinos durch Dolby Atmos und 4D Technik dem Abwärtstrend entgegenwirken und die Attraktivität des klassischen Kinos zu steigern. Technologie ist hier das Stichwort: Die Betreiber sind mit hohen Kosten konfrontiert, die gerne in Kauf genommen werden, un Kinogänger anzulocken. Dies hat natürlich seinen Preis. Für zwei Personen ohne Getränke und Snacks sind da schon mal zwischen 25 und 30 Euro fällig. All dies sollte man berücksichtigen, wenn man den Premium-Abrufpreis von Mulan kritisiert.

Das Paradoxon: Sobald Inhalte digital verfügbar sind, ist man nicht bereit, zusätzlich in die Geldbörse zu greifen, obwohl der Film exklusiv zum Kino-Release abrufbar ist. Nicht nur das: Disney erbaut es sogar den Film nach Kauf so oft zu schauen wie man will, solange ein Disney+ Abonnement besteht. Theoretisch und praktisch ist es möglich den Film mit so vielen Menschen zu schauen wie man will. Dennoch ist die exklusive Auswertung auf Disney+ kritisch zu betrachten. Stattdessen hätte man einen Mittelweg gehen können, der Kinobetreiber nicht außen vor lässt. Durch eine simultane Strategie, also zeitgleiche Veröffentlichung auf Disney+ und in Kinos, hätte der Zuschauer die Wahl gehabt. Somit profitiert nur Disney von den Einnahmen, da diese zu 100% mit Disney+ im Konzern bleiben. Zudem reagieren viele mit Zurückhaltung, da der Film früher oder später sowieso auf Disney+ ohne zusätzlichen Aufpreis verfügbar sein wird. Am Ende ist eine individuelle Entscheidung, die von Prioritäten abhängig sind.

Das Ende vom Kino wie wir es kennen?

Disney hat beteuert, den Schritt als Ausnahme zu behandeln, und dennoch ist die Vorgehensweise eine Wette auf die Zukunft. So besteht die Möglichkeit bei Erfolgt langfristig Inhalte zeitgleich zum Kino-Release auf Disney+ gegen Aufpreis verfügbar zu machen. Aus finanzieller Sicht sogar lohnenswert, da sich hierdurch der Gewinn ausdehnen ließe. Mulan ist somit zu einem Testobjekt geworden, ob Streaming-Portale gegen das Kino schon stark genug sind, um die gleichen Gewinne zu erzielen. Und viel wichtiger: Mulan wird zeigen wie schnell sich der Prozess des Kinosterbens fortsetzen wird. Langfristig werden Kinos nur noch in bestimmten Regionen oder als Multiplex überleben. Kulturelle Inhalte, die den Gang aus dem Haus nicht unbedingt notwendig machen, werden bevorzugt in den eigenen vier Wänden konsumiert. Es hilft nicht darüber zu jammern. Dies ist nun mal der Zeitgeist. Kinos werden nicht sterben. So wie Konzerte nicht gestorben sind. Es ist ein gesellschaftlicher Diskurs, der zeigen wird, wie wichtig uns kulturelle Stätte und Erlebnisse sind. Die Corona-Krise bewirkt auf vielen Ebenen eine unorthodoxe Herangehensweise. So wie Kinos ums Überleben kämpfen, so auch Disney. Der Mäusekonzern hält weiterhin daran fest, alle geplanten Filme ins Kino zu bringen. Leider bestimmt das amerikanische Zielpublikum und der dortige potentielle Gewinn, inwiefern der Konzern weiter vorgehen wird. Zumal haben schon längst deutsche Kinos geöffnet. Mit New Mutants versucht Disney Ende August den Weg in die Kinos. Ehrlich gesagt: nicht mutig! Es handelt sich hierbei sowieso um keinen Blockbuster. Das wäre dann nämlich mutig gewesen.

Bitter dürfte die Entscheidung für Disney dennoch gewesen sein, was die wiederholten Verschiebungen und die positiven Resonanzen zeigen:

Mulan hatte schon im Vorfeld seiner Veröffentlichung mit vielen Kontroversen zu kämpfen (siehe hier). Sehr wahrscheinlich wird Mulan die Ausgaben nicht einspielen können. An sich geht es nur noch um die Minimierung des Verlustes und das Zuschauerverhalten für die Zukunft zu analysieren. Nur sollte man bedenken: Um weiterhin solche Blockbuster genießen zu können, muss man auch bereit sein, Geld dafür auszugeben.

Bilder/Grafiken/Videos/Infos: Disney, Twitter, YouTube, FFA


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