Filmkritik: Disney·Pixars „LUCA“

Sommer, Sonne, Strand und Meer! Dazu Pasta, Eis und wilde Vespa-Fahrten und fertig ist der neue Disney·Pixar-Film LUCA – nicht ganz aber schon sehr nah dran. Regisseur Enrico Casarosa bringt dieses Jahr den bella Italia-Urlaub mit Dolce-Vita-Esprit der Extraklasse in die hiesigen Wohnzimmer auf Disney+. Doch wie schlägt sich das neue Abenteuer im Vergleich zu vergangenen Filmen aus dem weltbekannten Animationshaus?

Szenenbild aus Pixars „LUCA“ | © Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Auf nach Portorosso

Die warmherzige neueste Pixar-Comedy spielt im wunderhübschen Küstenörtchen Portorosso an der Italienischen Riviera in den späten 1950er. Hier erlebt der kleine 13-jährige Junge Luca zusammen mit seinem neuen, besten Freund Alberto den Sommer seines Lebens – voller Eis, Pasta und endlosen Scooter-Fahrten. Doch über all dem Spaß liegt ein tiefes Geheimnis: Die beiden sind Seemonster aus einer anderen Welt, die unterhalb der Wasseroberfläche des Meeres liegt…

ISzenenbild aus Pixars „LUCA“ | © Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Parallelen zu „Arielle, die Meerjungfrau“

Kein Wunder, dass Luca so fasziniert von dem Leben oberhalb der Meeresfläche ist, lädt doch die wunderschöne Küste von Cinque Terre an der italienischen Riviera mit ihren zahlreichen, bunt gestalteten Eisdielen, Trattorias und Cafés zum Verweilen ein. Gäbe es da nicht einen Haken – oder sollte ich eher Fischerhaken sagen? Die Einwohner von Portorosso machen schon seit Ewigkeiten Jagd auf Seemonster, zu denen Luca und sein bester Freund Alberto gehören. Im Stadtkern gibt es sogar einen monumentalen Springbrunnen, der jedem Seemonster zu Verstehen gibt, in Portorosso nicht willkommen zu sein. Es gehört daher zur guten Erziehung, Seemonster schon im Kindesalter einzuimpfen, unter keinen Umständen die Landfläche zu betreten. So muss Luca seine Faszination vor seinen Eltern versteckt halten und sich auf das Sammeln von menschlichen Gegenständen beschränken. Bis Luca es wagt, das Meer zu verlassen, erinnert die Geschichte stark an Disneys Meisterwerk Arielle, die Meerjungfrau (1989). Danach blitzen nur noch punktuell leichte Parallelen auf. Für beide Figuren ist die Überschreitung der Meeresgrenze zum Land mit potentiellen Gefahren, einem Preis und dennoch mit Begeisterung verbunden. Zwar verwandeln sich Luca und Alberto automatisch in Wesen mit menschlicher Gestalt, dennoch sind sie bei Berührung mit Wasser stets der Gefahr ausgesetzt, aufzufliegen und ihr Leben zu riskieren. Die Kausalitäten unterscheiden sich in beiden Filmen zwar stark, dennoch ist eine Ähnlichkeit unübersehbar. Von dem Sammeln von Gegenständen, Beobachten der Menschen bis zum ewigen Einbläuen der Eltern, die Oberfläche zu meiden.

Begibt sich der Film auf festes Terrain, entwickelt die Geschichte sukzessiv eine gewisse Eigenständigkeit und Authentizität. Leider muss man feststellen, dass bis zu diesem Zeitpunkt bereits etwas mehr als 20 Minuten verstreicht sind. Das sind quasi 20 Minuten nur gefühlte Hommage an Arielle, die Meerjungfrau. Tatsächlich habe ich mich gefragt, wann beginnt die Geschichte endlich. Zündet sie langsam ihre Motoren, schreitet der Plot erstmal langsam voran. Der Regisseur nimmt sich sehr viel Zeit, die Atmosphäre seiner Heimat zu präsentieren und wirken zu lassen. Das Ganze ist ehrlich gesagt überaus charmant, und dennoch kann es nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Geschichte insgesamt sehr dünn ist. Es ist eben nur ein Sommerabenteuer, welches sich über wenige Tage erstreckt. Dabei dürfen natürlich nicht italienische Highlights wie die Vespa fehlen, die noch Dreh- und Angelpunkt des Films werden soll. Vergleicht man LUCA mit bereits vorhandenen Pixar-Filmen, wird dieser Animationsfilm wahrscheinlich aufgrund seiner fehlenden Nachwirkung, Ideenreichtum und Originalität in Vergessenheit geraten. Die Auswertung auf Disney+ scheint da nachvollziehbar. Dennoch sollte man den Film auf einen großen Bildschirm genießen, um die wunderschöne Landschaft in ihrer grandios animierten Version spüren zu können.

Szenenbild aus Pixars „LUCA“ | © Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Dolce Vita pur

Der Film strahlt nur so vor italienischem Flair! Neben den pulsierenden Farben der Häuser von Portorosso überzeugt spätestens die azurblaue Farbe des Himmels und Meeres. Dazu gibt es immer wieder mitreißende, alte italienische Songs wie „Andavo a cento all’ora“ von Gianni Morandi, „Viva la Papa col pomodoro“ von Rita Pavone und viele weitere. Flankiert wird das ganze durch den in jeder Szene spürbaren Esprit der italienischen Riviera. Wie es sein muss als Kind in einer so pittoresken Umgebung aufzuwachsen, erreicht der Regisseur durch detailgetreue Abbildung der Küstenregion aber auch die abenteuerlustigen Unternehmungen, die dieser Ort einem ermöglicht. Dazu gehört natürlich auch das bereuungslose Schlemmern von Eis und ganz viel Pasta. Wenn schon zu Beginn des Films die Arie „O mio bambino caro“ aus Giacomo Puccinis einaktiger Oper Gianni Schicchi und interpretiert von Maria Callas in einem kleinen Radio erst dezent erklingt und anschließend den Raum füllt, ist es um einen geschehen. Wer gerne den kompletten italienischen Soundtrack unterwegs hören möchte, empfehle ich meine LUCA-Playlist mit allen Songs auf Spotify. Einen besseren Film über die italienische Riviera hätte der italienische Tourismusverband sich niemals erträumen können. Schon lange habe ich keinen Pixar-Film mehr gesehen (vielleicht sogar noch nie), der es allein durch seine Ausstrahlung und Musik versteht, den Kopf zu infiltrieren, und einem in eine nicht all zu weit entfernte Region entführt. LUCA ist eine Hommage an Italien durch und durch. Und das allein schon macht ungeheuer viel Spaß und Freude.

Szenenbild aus Pixars „LUCA“ | © Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Inspiriert von japanischen Animationsfilmen

Regisseur Enrico Casarosa ist stark von der japanischen Animationskunst beeinflusst. Es verwundert daher kaum, in vielen Sequenzen einzelne neue Elemente zu entdecken, die so zuvor nicht bei Pixar zu sehen waren. Dies ist überaus erfrischend, zeigt es, dass sehr wohl bei computeranimierten Filmen Spielraum für künstlerische Freiheit und Veränderungen besteht. Manch einer wird die Jahrzehnte vermissen, in denen Zeichentrickfilme von Disney unterschiedliche Stile hatten. Denn leider sehen die neusten Animationsfilme meistens gleich aus.

Szenenbild aus Pixars „LUCA“ | © Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

Eine Geschichte für kleine Abenteurer

Durch seine Banalität und der nicht wirklichen neuen aber nicht weniger wichtigen Botschaft eignet sich der Film vor allem für die Kleinen unter den Disney-Zuscher*innen. Das ist keineswegs negativ zu verstehen, ist es eben diese Einfachheit und die spielerische Herangehensweise an Abenteuer und neue Dinge zu entdecken bzw. zu lernen, die es dem Film ermöglichen, herauszustechen. LUCA suggeriert auch nicht das Gegenteil sein zu wollen. Das macht ihn unverwechselbar charmant. Es muss nicht immer eine schwermütige und komplexe Geschichte sein, für die Pixar teilweise international applaudiert wird. Kinder wollen einen Sommer voller Spaß und intensiver Freundschaft erleben und genau das wird hier geboten. Die nötige Portion an Spannung und Botschaften werden auch hier nicht vergessen. Dazu müssen nicht epochale Wanderungen oder vor Fantasie sprießende Kulissen erschaffen werden, die sowieso vielmehr die schwache Geschichte vertuschen wollen wie zum Beispiel bei Onward: Keine halben Sachen (2020). Stattdessen beginnt die Fantasie in den Köpfen.

Man möge sich nur in seine eigene Kindheit zurückversetzen, dann weiß man zu was alltägliche Dinge in unserer Fantasie werden können, und welche Abenteuer wir mit diesen erleben wollen. Was passt da viel mehr als ein Wettbewerb in Portorosso, der all diese Dinge miteinander verbindet? Dabei darf natürlich nicht ein Halunke bzw. Mobber fehlen, der für reichlich Gefahr sorgt, die in eine Zerreißprobe an die Freundschaft mündet. Ja, LUCA ist eine wunderschöne Allegorie von der Bedeutung von Freundschaften und was daraus entspringen kann. Disneys und Pixars Originalspielfilm ist eine lustige und herzerwärmende Geschichte über Freundschaft, das Verlassen der Komfortzone und zwei Seeungeheuer im Teenageralter, die einen lebensverändernden Sommer erleben. Dabei sind die Seeungeheuer vielmehr eine Metapher für Außenseiter, Ängste der Ablehnung und das Streben nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Komplettiert wird dies durch die wundervolle Figur Giulia, die nur in den Sommermonaten in die Region von Portorosso kommt und dadurch ebenso wenige Freunde dort hat. Sie wird für Luca eine wichtige und schicksalhafte Begegnung sein, die für viel Tempo und Spaß in der Geschichte sorgt.

Fazit

LUCA fängt perfekt das Gefühl ein, was es bedeutet, Kind zu sein: Spielerische Abendeuter, ganz viel Eis und stundenlange Gespräche über Fantastereien. Hüllt man dieses Gefühl in ein Kostüm aus italienischer Riviera ein und packt es in eine Seemonster-Geschichte mit einem entzückendem Twist, et voilà hat man einen perfekten Sommerfilm. Dies kann leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Film in den ersten 20 Minuten schwer tut, eine eigenständige Geschichte zu entwickeln und an Tempo zu gewinnen. Insgesamt bietet LUCA daher nichts neues, außergewöhnliches und ist sehr vorhersehbar. Sehenswert ist er dennoch allemal.

SPIELDAUER: 95 MINUTEN | FSK: 0 | 2021

Weitere Infos: Original Cast | Deutsche SynchronsprecherTrailer

Alle Filmkritiken von StehnisBlog findest du hier.


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2 Kommentare zu „Filmkritik: Disney·Pixars „LUCA“

  1. Ich glaube nach den letzten (langen) Monaten tut ein wenig „Dolce Vita pur“, wie du es bezeichnet hast, sowohl groß als auch klein gut 🙂 Ich freue mich auf jeden FAll auf LUCA!!!

    Gefällt 1 Person

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