Serienkritik: Star Original „Love, Victor“ (1. Staffel)

Mit Love, Victor startet die erste Disney+ bzw. Star Original Serie mit einer queeren Jugendgeschichte im Fokus. Um möglichst viele neue Zuschauer zu akquirieren, knüpft Disney mit seiner Serie an den bekannten Erfolg des Films Love, Simon (2018) an. Doch offeriert die zugrundeliegende Vorlage überhaupt genügend Potenzial für eine sehenswerte Serie und wenn ja, wird dieses Potenzial ausreichend und innovativ genutzt?

Liebe ist nicht immer geradlinig

Die Serie spielt in der Welt des bahnbrechenden Films Love, Simon (2018), der von Becky Albertallis Roman „Nur drei Worte“ inspiriert wurde. Darin geht es um Victor, einen neuen Schüler an der Creekwood High School, der sich selbst finden möchte, Probleme zu Hause hat, sich an eine neue Stadt gewöhnen muss und mit seiner sexuellen Orientierung hadert. Als ihm alles zu viel wird, bittet er Simon, ihm zu helfen, die Hochs und Tiefs der Highschool-Zeit zu überstehen.

Szenenbild aus dem Star Original „Love, Victor“ | © Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved

Wenig neues, innovatives – eben eine Love, Simon Serie

Untermalt mit poppig, alternative sowie indie angehauchten Musiknummern, dazu der passende warme Bildfilter und schon fühlt man sich unbeirrt erinnert: Ja, das muss wohl die passende Serie zur Filmvorlage Love, Simon sein. Ebenso weichgespült wie das Bild war auch der Film, so suggeriert die Serie vergeblich, das gegenteilige zu sein. Waren die Eltern von Simon mehr als warmherzig und akzeptierend gegenüber ihrem Sohn, so sind die Eltern von Victor deutlich traditioneller und weniger tolerant. Tatsächlich bemüht sich die Serie, Zuschauer*innen viele bekannte Stationen aus dem Film zu präsentieren, anstatt eigene Akzente zu setzen. Dies manifestiert sich auch an dem immerwährenden Dialog zwischen Victor und Simon. Daraus ergeben sich durchaus interessante Perspektiven und tiefergehende Botschaften, die für jeden auf der Suche nach der eigenen sexuellen Identität und damit verbundene gesellschaftliche Hürden eine Rolle spielen. Nichtsdestotrotz nimmt die Serie das Potential dieser Botschaft nicht wirklich wahr. Stattdessen sind sie mal mehr mal weniger leere Hülsen ohne emotionaler Tiefen. Die Serie fällt ihrer eigenen Ambition zum Opfer, sich von Stereotypen entfernen zu wollen, bedient sie jedoch selber, indem sie das Spektrum in der LGBT-Commumity kategorisiert. Zugegebenermaßen spiegelt dies wiederum das inhärente Paradoxon der Szene wider, doch geschieht dies in der Serie eher ungewollt statt dieses Paradoxon aktiv aufzeigen zu wollen und eben dies hätte die Chance geboten, Sexualität und das äußere Erscheinungsbild als fluid auszulegen, um Ängste vor Ablehnung abzubauen und die eigenen Expressivität zu stärken. Diese Chance nutzt die Serie stattdessen nicht, sondern bleibt im sicheren Hafen ihres großen Vorläufers Love, Simon und verbleibt dabei irgendwie ebenso weichgespült ohne Innovationen trotz der Änderung der Ausgangssituation.

Die Charaktere entsprechen einerseits klischeehaften Figuren aus Teenie-High-School-Serien (-Filmen) mit Alltagen bestehend aus Liebeleien und fiesen Gerüchten, andererseits fördert gerade dies den Unterhaltungswert der Serie, auch wenn man es schon besser gesehen hat wie zum Beispiel bei der Serie Glee, die unter anderem eine Person mit homosexueller Identität und damit verbundene Schwierigkeiten ergründet. Um den Figuren eine gewisse Daseinsberechtigung zu geben, bekommen alle über die Staffel punktuell verteilt Hintergrundgeschichten, die extrem unausgewogen ausfallen. Die Serie hätte deutlich mehr Laufzeit pro Episode verdient, um die einzelnen Figuren deutlich mehr zu würdigen und der Ernsthaftigkeit gerecht zu werden. Es werden schwerwiegende Themen angesprochen, mit denen sich durchaus viele junge Menschen (leider) identifizieren können. Das Problem ist nur, dass dies in einem der Thematiken unwürdigem schnellen Tempo geschieht. Essstörungen, Depressionen und andere ernste Themen lassen sich nicht mal eben in paar Minütchen abhandeln und anschließend fast schon als obsolet wirkend beenden. Hier sollte eine zweite Staffel tiefer in die Materie eindringen, wobei dies durch die geringe Laufzeit geschuldet sehr wahrscheinlich vereitelt wird.

Szenenbild aus dem Star Original „Love, Victor“ | © Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved

Trotz der Schwächen hohe Relevanz

Trotz der zahlreichen negativen Punkte – es wären durchaus noch weitere zu nennen – muss man der Serie eine hohe Relevanz für junge, queere Menschen zugestehen. Vor allem für Zuschauer*innen, die schon Love, Simon feierten, werden mit Love, Victor auf ihre Kosten kommen. Der dezente Paradigmenwechsel, eben keine Familie zu haben, die ausnahmslos tolerant ist, dürfte zudem für viele Menschen eine persönliche Komponente haben. Auch der Kampf mit der eigenen Sexualität und damit verbundene Unsicherheiten im Geflecht mit gesellschaftlichen Dynamiken werden ausdrucksstark und nachvollziehbar beleuchtet. Der Fokus liegt hierbei noch weniger auf die Sexualität selbst sondern zunächst auf der emotionalen Ebene, auch wenn die Serie an einigen Stellen vorsichtig probiert, sich mehr in die sexuelle Richtung heranzutasten.

Ein weiterer großer Pluspunkt ist vor allem der Cast, welcher perfekt ausgewählt wurde. Alle Schauspieler können in ihren Rollen brillieren und das Ganze wirkt in keiner Stelle laienhaft. Merkwürdigerweise finde ich persönlich den jungen Cast deutlich besser als den erwachsenen. Dabei stechen vor allem Anthony Turpel als Felix und Rachel Hilson als Mia positiv hervor. Die Rolle des Felix‘ ist streckenweise wesentlich interessanter als die des Hauptprotagonisten Victors. Seine durch die Serie verteilen „schlauen“ aber weisen Sprüche sind viel wertvoller als die von Simon. Genau an diesen Stellen ist es den Drehbuchautoren gelungen, durch einen sinnvollen Einsatz der eigenen Charaktere sich von dem Film zu entfernen, auch wenn da noch Luft nach oben ist. Felix‘ Rolle sollte definitiv mehr beleuchtet werden. Dazu zählt auch die Geschichte von Bebe Wood als Lake. Victor gespielt von Michael Cimino ist durch die ganze Serie hinweg sympathisch, sehr authentisch und man fühlt auch mit der Person in jeder einzelnen Episode. Weniger im Gedächtnis geblieben, ist die Darstellung von Benji. So ganz kann man und will man sich nicht mit der Figur verbinden. Sie ist halt einfach da. Grundsätzlich ist Love, Victor für jeden, der noch nicht Love, Simon gesehen hat, zu empfehlen. Andernfalls erwartet einem nichts neues – leider.

Fazit

Liebe ist nicht immer geradlinig – die Serie ebenso wenig. Love, Victor kann nicht darüber hinweg täuschen, inhaltlich etwas chaotisch zu wirken, indem viele alltägliche als auch tiefergehende Probleme neben denen der Figur von Victor schon existierenden in zu kurzen Folgen zu thematisieren. Dabei schafft es die Serie leider nicht sich komplett von seiner Vorlage Love, Simon abzulösen und nutzt die Chance nicht für neue innovative Betrachtungen. Nichtsdestotrotz liegt die tiefe Bedeutung von Love, Victor in der Relevanz für aufwachsende queere Menschen, die mit dieser Serie zum ersten Mal eine hochwertig von Disney produzierte Geschichte mit Identifikationspotential bekommen.

SPIELDAUER: 10 Episoden (25-30 Minuten) | FSK: 6 | 2021

Weitere Infos: Original Cast | Deutsche SynchronsprecherTrailer

Alle Serienkritiken von StehnisBlog findest du hier.


Wie gefällt euch die 1. Staffel von Love, Victor? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!


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