Serienkritik: Star Original „Love, Victor“ (2. Staffel)

Pünktlich zum Pride Month startet die zweite Staffel von Love, Victor und verspricht deutlich mehr sexuelle Spannungen und Intimitäten. Woran das wohl liegen mag? Nachdem Disney nun endgültig beschlossen hat, eine Serie mit primär queeren Inhalt auf Star zu „verbannen“, ist nun freie Bahn für einen deutlich offensiveren Inhalt. Reicht dies aus, um zu überzeugen, und ist die zweite Staffel besser als die erste?

Mehr Mut

Die zweite Staffel beginnt mit dem frisch geouteten Victor (Michael Cimino), der sein vorletztes Schuljahr an der Creekwood High beginnt. Sein Coming-Out bringt jedoch neue Herausforderungen mit sich. Victor trifft auf eine Familie, die mit seiner Enthüllung kämpft, da ist Mia (Rachel Naomi Hilson), seine Ex-Freundin mit gebrochenem Herzen, und er wird mit den Schwierigkeiten konfrontiert, die es mit sich bringen, ein offen schwuler Star-Athlet zu sein – und das alles passiert, während er die Höhen und Tiefen seiner neuen Beziehung mit Benji (George Sear) erlebt.

Szenenbild aus dem Star Original „Love, Victor“ | © Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved

Mehr Mut? Wohl eher mehr Sex, Sex und noch mehr Sex!

Okay, zugegeben, die Überschrift mag etwas übertrieben wirken. Denn – Achtung Spoiler – es handelt sich nicht um einen Porno. Dennoch fackelt die Serie nicht lange und stellt allein schon in der ersten Hälfte der zweiten Staffel das sogenannte „erste Mal“ von einigen Charakteren – vor allem von Victor – in den Mittelpunkt. Entjungferung: Das Top-Thema aller pubertierenden Teenies. Da kann es auch schon mal sehr schnell am Arbeitsplatz, in der Abstellkammer oder im Ferienhaus heiß hergehen. Ganz so oberflächlich soll es dann natürlich doch nicht rüberkommen. Daher dürfen nicht die typischen Gespräche zwischen erfahrenen und weniger erfahrenen Personen oder über die damit verbundenen Ängste fehlen. Die zweite Staffel ist wesentlich offensiver und wirkt wesentlich selbstbewusster als die erste. Das mag auch daran liegen, dass sich deutlich stärker vom Film abgelöst wird, die Serien-Charaktere immer mehr eine eigene Persönlichkeit und Raum bekommen, was letztendlich Interesse auslöst, deutlich mehr erfahren zu wollen, wie es den Figuren weiter ergehen wird. So muss ich zugeben, im Vergleich zu ersten Staffel richtig angefixt gewesen zu sein, was wahrscheinlich auch an der erwachseneren Herangehensweisen liegen mag.

Nach dem Outing von Victor wirkt die Serie wesentlich freier. Daraus ergeben sich zahlreiche wunderschöne Momente, die teilweise etwas kitschig sein können aber unheimlich schnell ins Herz gehen. So muss eine Teenie-Serie sein: Aufregend, etwas progressiv und unheimlich catchy sowie mitreißend. Zwar werden erwachsenere Pfade eingeschlagen, die durch klischeehafte Teenie-Elemente ergänzt werden, dies tut der Leichtigkeit der Serie keinen Abbruch. Neben dem sehr sexuellen Pfad, spielt das schwierige Verhältnis zwischen Victor und seinen Eltern eine große Rolle in der Serie. Dabei kommt es vor allem zum Zerwürfnis mit seiner tendenziell religiösen bzw. traditionellen Mutter. Wer hätte gedacht, dass die wesentlich konservativeren Eltern des Vaters schneller überzeugt werden konnten als die Mutter?! Die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Freiheit ist in der zweiten Staffel sehr gut austariert und niemals überstrapaziert. Es ist erfreulich zu sehen, dass die Serie die aufgemachten Thematiken der ersten Staffel vertieft und dem Publikum entsprechend würdig und gefühlvoll aufbereitet.

Szenenbild aus dem Star Original „Love, Victor“ | © Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved

Die Schwächen der ersten Staffel bleiben aber weniger auffällig

Für mich ist weiterhin die große Überraschung der Serie die Figur Felix. Seine Aura und sukzessive größer werdende Bedeutung für die Handlung ist unwahrscheinlich inspirierend und sympathisch. Für mich die stärkste Rolle der ganzen Serie. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass seine Geschichte weiter und tiefergehend ergründet wird. Zusammen mit Lake ergeben ist hinreißende Momente, die in Erinnerung bleiben. Man könnte schon beinahe behaupten, dass die beiden die Geschichte von Victor in den Schatten stellen. Weniger überzeugen konnte mich Benji, der weiterhin fast seelenlos und irgendwie schon beinahe bedeutungslos wirkt, auch wenn seine Figur nach hinten hin wesentlich mehr an Bedeutung und an Charme gewinnt – leider viel zu spät. Doch noch viel enttäuschter bin ich von der schauspielerischen Leistung von Ana Ortiz als die Mutter von Victor. So ganz zünden und überzeugen will ihre Darstellung nicht. An manchen Stellen wirkt es immer mal wieder sehr überzeugend und dann wiederum sehr hölzern und emotionslos. Da hätte ich mir wesentlich mehr ausdrucksstarke Mimik gewünscht. Das gleiche gilt für den kleinen Bruder von Victor. Jedes Mal, wenn seine Figur in der Serie auftaucht, habe ich mich gefragt: „Wer ist das“? Umso erfreulicher ist es, dass seine Schwester wesentlich mehr Laufzeit in der Serie bekommt und ihre eigene Entwicklung machen darf, so auch der Vater von Victor. Ebenso begrüßenswert ist die Ergänzung des Casts um weitere Figuren mit homosexueller Identität. Die Serie baut mehr und mehr Potenzial auf, welches hoffentlich in weiteren Staffeln genutzt wird. Welche Wege die Serie einschlagen sollte, könnt ihr in meiner Kritik zur ersten Staffel nachlesen.

Schwerer wiegt da der Twist eines bestimmten Charakters, die weniger nachvollziehbar ist und mich etwas sprachlos zurücklässt – leider im negativen Sinne. Hinzu kommt, dass die Entwicklung der Beziehung zwischen Mia und Victor mich manchmal eher nervt und unberührt zurücklässt. Es wirkt wie ein Klotz am Bein der Serie. Das ist natürlich höchst subjektiv und soll offensichtlich für die Dramaturgie der Serie sorgen wie auch der erneute Cliffhanger. Trotz meiner kritisch angeführten Aspekte, hoffe ich auf eine dritte Staffel. Denn solche Serien sind in unserer heutigen Zeit extrem wichtig, vor allem im Disney Kosmos. Ich wünsche mir sogar deutlich mehr Content auf Disney+ mit queeren Geschichten im Fokus. Love, Victor ist der Anfang und sollte nicht das Ende sein. Das Interesse besteht und sollte bei Disney gehört und berücksichtigt werden. Und bitte macht längere Folgen. Denn es ist auch hier wieder spürbar zu kurz! Zudem sind Figuren mit homosexueller Identität oder anderer Zugehörigkeit ebenso auf Disney+ gewünscht und müssen nicht in der Rubrik Star versteckt werden.

Fazit

Die zweite Staffel von Love, Victor ist deutlich selbstbewusster und losgelöster von dem Film Love, Simon. In der ersten Hälfte trägt zwar hauptsächlich nur die sexuelle Spannung die Handlung, die zum Glück durch rührende und der Fortentwicklung der Charaktere dienliche Momente ergänzt wird. Dennoch sieht das Ganze immer noch sehr nach Einheitsbrei aus und wirkt wenig innovativ. Der Unterhaltungsfaktor ist dadurch keinesfalls gedämpft, allein schon durch die hohe Relevanz der Serie für die LGBTQIA* Community. Und ja, Sex sells.

SPIELDAUER: 10 Episoden ( ⁓30 Minuten) | FSK: 12 | 2021

Weitere Infos: Original Cast | Deutsche Synchronsprecher | Trailer

Alle Serienkritiken von StehnisBlog findest du hier.


Wie gefällt euch die 2. Staffel von Love, Victor? Lasst es mich in den Kommentaren wissen!


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